![]() |
Das Lied als Laboratorium des KomponistenKritik von Matthias Lange , 11.10.2004
|
||||||||
|
Wenn große Gewissheiten der Musik fragwürdig werden,
wenn ihre scheinbar ehernen Grundfesten immer stärker erschüttert
werden, dann kann das eine konstruktive Hinwendung in die kleine Form
zur Folge haben. Ein überschaubarer Raum wird zum Feld des
Experimentierens, der Selbstvergewisserung und des schöpferischen
Fortgangs. Am Ende des 19. Jahrhunderts zerfielen diese über
Jahrhunderte etablierten Grundgesetze der Musik zusehends und jeder
Komponist von Rang war gezwungen, sich zu positionieren: Schönberg,
Schreker, Berg, Webern und auch Alexander Zemlinsky wandten sich verstärkt
der Komposition von Klavierliedern zu, die einen auf dem Weg in die
Moderne, letzterer in einem Raum zwischen Spätromantik und Avantgarde
verharrend. Und so blieb die Wirkung der Werke Zemlinskys über
Jahrzehnte marginal, war er eher als Lehrer Arnold Schönbergs oder
auch Alma Mahlers ein Begriff. Erst seit den 1980er Jahren werden
wieder Zemlinsky-Opern gespielt, kommen auch seine sinfonischen
Kompositionen zur Aufführung. Dabei bieten seine Klavierlieder, teils
erst seit 1995 in einer Nachlassedition zugänglich, ein Fülle
interessanter Einzelstücke und Zyklen mit zeitcharakteristischen Zügen,
die von echter Originalität und künstlerischer Gestaltungskraft
zeugen.
Kleine Schätze
Während die nachgelassenen ‚Sieben Lieder’ aus den
Jahren 1889/90 noch ganz den Geist der Hochromantik atmen, ihre
Vorbilder Schumann und Brahms weder zu leugnen noch zu übertrumpfen
versuchen und gleichwohl schon eine bemerkenswerte Eigenständigkeit
des gerade 18jährigen zeigen, gehen die ebenfalls ohne Opuszahl überlieferten
‚Fünf Lieder’ aus der Mitte der 1890er Jahre in textlicher
Hinsicht eigene Wege: Zemlinsky löst sich zunehmend von den
romantischen Vorlagen Heines und Eichendorffs und wendet sich verstärkt
den zeitgenössischen Dichtungen Hans Grasbergers und Paul Wertheimers
zu.
Noch entschlossener emanzipiert sich der heranreifende
Komponist mit seinen Walzergesängen op. 6: Trotz der scheinbar
harmlosen Verbindung von Kunstlied und italienischer Folklore überwindet
er die formalen Beschränkungen der traditionellen Kompositionsweise,
etabliert eine wesentlich delikatere Begleitung im Klavier und
beginnt, eine größere persönliche Freiheit zu gewinnen. Während
die beiden in der vorliegenden Aufnahme eingespielten ‚Brettl-Lieder’
von 1901 eine weitere, bemerkenswerte Seite des Komponisten Zemlinsky
zeigen, nämlich seine komische, durchaus auch stimmungsvolle,
gleichwohl von wachsendem Anspruch getragene, müssen die ‚Sechs Gesänge’
op. 13 nach Texten des belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck als
eigentlicher Höhepunkt der Platte gelten, möglicherweise auch, einer
Deutung Adornos folgend, als ‚das Zentrum seiner Produktion’. Hier
zeigt sich der selbstbewusste Komponist, der auch beruflich als künstlerischer
Leiter der Oper am Deutschen Landestheater in Prag eine herausgehobene
Stellung innehatte. Zemlinsky befindet sich in völliger formaler
Freiheit, findet, geleitet von den Texten, eine modernere Tonsprache
in Melodik und Harmonik, überformt ältere Modelle chromatisch. Auf
diese Weise entstehen sehr zarte und zerbrechliche Gebilde von eindrücklicher
Schönheit. Dabei ist die klassische Funktionsharmonik, von der sich
Zemlinsky im Gegensatz zu den anderen bedeutenden Zeitgenossen und
Weggefährten nie gelöst hat, auch bei ihm nicht mehr die Lösung der
musikalisch-ästhetischen Konflikte sondern vielmehr ein Element der
verstörten Ratlosigkeit. In Verbindung mit den todessehnsüchtigen
Texten Maeterlincks entsteht eine subtile Düsternis, wird eine rätselhafte
Dämonie beschworen, die auch Zemlinskys selbst gewählte Verankerung
in der tonalen Schreibweise illusorisch scheinen lässt.
Frische Interpreten
|
|||||||||